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Vater teilt das Erbe gerecht auf seine zwei Töchter und den Sohn auf. Die Ehefrau meint, das sei wegen ungleichem Vermögen unfair: "Sind ja alle meine Kinder."

Familie am Tisch mit Waage in der Mitte, hält Umschläge, bespricht Dokumente; Kinder und Eltern nachdenklich.

An einem ruhigen Sonntagvormittag saß Mark am Küchentisch. Vor ihm lagen ausgebreitete Papierstapel, daneben ein Häferl Kaffee, das längst kalt wurde. Seine Frau Elena stand beim Spülbecken, die Arme verschränkt, und schaute zu, wie er das Testament unterschrieb, an dem sie monatelang gearbeitet hatten. Drei Kinder, ein Haus, ein bissl Erspartes, ein kleiner Betrieb. Der Anwalt hatte eine einfache Lösung vorgeschlagen: alles zu gleichen Teilen auf die zwei Töchter und den Sohn aufteilen. Sauber. Klassisch. Am Papier fair.

Als Mark das unterschriebene Dokument in Richtung Mappe schob, lächelte Elena nicht.

„War’s des?“, fragte sie. „Alles gleich?“

Er nickte. „Es san doch alle meine Kinder.“

Sie schüttelte langsam den Kopf, die Augen auf einmal feucht. „Du weißt, dass des ned fair is.“

Der Raum wirkte plötzlich kleiner, als wär grad eine Linie quer über den Frühstückstisch gezogen worden.

Wenn „gleich“ sich in derselben Familie ned fair anfühlt

Auf den ersten Blick klingt eine gleichmäßige Aufteilung vom Erbe nach der Lösung mit dem geringsten Drama. Ein Drittel für jedes Kind, keine Diskussion, keine Lieblinge. Es hat so eine Aura von Gerechtigkeit – wie wenn man eine Torte in saubere, identische Stücke schneidet. Viele Eltern tendieren dazu, weil’s sicher und neutral klingt.

Nur: Das Leben spielt halt selten in identischen Stücken.

Eine Tochter ist vielleicht alleinerziehend und geht unter in Miete und Kinderbetreuung. Die andere verdient als Ingenieurin in einer anderen Stadt richtig gut. Der Sohn kämpft womöglich mit gesundheitlichen Problemen und unregelmäßiger Arbeit. Wenn Geld in so eine ungleich verteilte Realität fällt, fühlt sich „gleich“ im Leben jedes Kindes ganz anders an. Genau dort fängt die Spannung an.

Nehmen wir den Fall, den Elena in den Wochen vor diesem Sonntag immer wieder angesprochen hat. Die Älteste, Claire, hatte in London einen Job in der Finanzbranche angenommen und verdiente mit 32 mehr, als ihr Vater je verdient hatte. Komfortable Wohnung, Aktienoptionen, Dienstreisen auf Firmenkosten. Der Jüngste, Sam, lebte mit 27 noch daheim, hackelte nachts im Lager und zahlte langsam seine Studienkredite zurück – für ein Studium, das er nie fertiggemacht hatte.

Dazwischen war Isabel, die zweite Tochter. Lehrerin, verheiratet, zwei Kinder, nebenbei noch zusätzliche Jobs, ständig Kopfrechnen, ob das Auto „eh noch ein Jahr geht“.

Am Papier würde jede*r ein Drittel vom Familienvermögen bekommen. Eine ordentliche Summe. Aber Elena fragte sich nachts immer wieder dieselbe unangenehme Frage: Würd dieses Geld für alle drei dieselbe Bedeutung haben, denselben Effekt? Tief drinnen kannte sie die Antwort längst.

Und genau dort wird Erben emotional kompliziert – lang bevor auch nur ein Euro den Besitzer wechselt.

Eltern geben’s selten offen zu, aber sie denken nicht nur an Liebe, sondern auch an Bedarf, an Opfer, an frühere Unterstützung. Ein Kind hat vielleicht Privatschul-Geld bekommen. Ein anderes wurde aus Schulden rausgehaut. Wieder ein anderes hat jahrelang die pflegebedürftige Oma oder den Opa betreut – unbezahlt und kaum gesehen.

Wenn ein Vater wie Mark sagt: „Es san doch alle meine Kinder“, dann ist das etwas Reines und Einfaches. Liebe kommt ned mit einem Taschenrechner. Nur ist die Welt rund um diese Kinder voller Taschenrechner: steigende Mieten, Arztkosten, ungleiche Gehälter, kaputte Berufswege. Dieser Konflikt zwischen emotionaler Gleichheit und finanzieller Ungleichheit ist genau der Punkt, an dem viele Familien Risse kriegen.

Wie Eltern über „fair“ reden können, wenn die Zahlen ned gleich san

Ein praktischer Schritt kann alles verändern: Holt’s das Gespräch aus dem Dunkeln heraus, bevor das Testament „in Tinte gegossen“ ist. Ned als dramatischer Familiengipfel am großen Tisch. Eher als ruhige, getrennte Gespräche – Monate oder sogar Jahre, bevor wirklich alles fixiert wird.

Ein Vater kann sich mit seinen Kindern einzeln zusammensetzen und seine erste Intuition teilen: „Ich möcht alles gleich aufteilen, weil ich euch gleich lieb hab.“ Und dann, ohne Stress, die Tür zur Nuance aufmachen: „Aber ich seh auch, eure Leben san sehr unterschiedlich. Wie fühlt’s ihr euch damit?“

So eine Frage fühlt sich riskant an. Sie lädt Unbehagen ein. Aber sie macht aus einem geheimen Entschluss ein gemeinsames, sich entwickelndes Gespräch. Und das allein kann später den Schock abfedern.

Viele Eltern fürchten, dass ein ungleiches Erbe automatisch in Neid und Kränkung explodiert. Also vermeiden’s jede Abweichung – wie wenn man auf eine heiße Herdplatte greift. Das Schweigen wird dann zum eigenen Problem. Die Kinder erfahren Details erst nach der Beerdigung, wenn die Gefühle sowieso roh san, und jede Zeile im Testament klingt wie ein Urteil über ihren Wert.

Ein bodenständiger Zugang ist, Liebe von Logistik zu trennen.

Ihr könnt euren Kindern sagen: Mein Herz ist gleich, auch wenn meine Rechnung es nicht ist. Und dann erklärt’s ruhig die konkreten Gründe: eine chronische Krankheit, massive Schulden, wer schon eine Anzahlung für eine Wohnung bekommen hat. Dieser Kontext nimmt den Schmerz nicht magisch weg, aber er gibt der Geschichte ein Rückgrat. Ehrlich gesagt: Das macht niemand jeden Tag. Aber einmal klar und aufrichtig gemacht, kann’s Jahre von stillem Groll verhindern.

Manche Eltern wählen einen Mischweg – und da zählt, wie man’s formuliert.

„Wir haben beschlossen, dass jede*r von euch einen gleichen Basisanteil bekommt“, schrieb eine Mutter in einem Brief, den alle gemeinsam mit dem Testament erhalten haben, „und dann dort ein bissl mehr Unterstützung, wo das Leben härter war. Es geht nicht darum, wen wir mehr lieben. Es geht um die Stürme, die ihr durchmachen musstet.“

Damit’s transparent bleibt und weniger explodiert, hilft eine einfache, „kastenartige“ Liste als Leitfaden:

  • Erklärt euer Grundprinzip (gleiche Liebe, durchdachte Unterstützung, Dankbarkeit für Pflege/Betreuung).
  • Listet große finanzielle Hilfen aus der Vergangenheit auf, die jedes Kind schon bekommen hat.
  • Benennt aktuelle strukturelle Unterschiede: Gesundheit, Unterhaltspflichten, Einkommensstabilität.
  • Entscheidet euch für einen „gleichen Basisanteil“ und mögliche gezielte Anpassungen.
  • Schreibt einen Brief in einfacher Sprache, der beim Testament dabei liegt und die Geschichte in eurer Stimme erklärt.

So ein Brief heilt nicht jede Kränkung, aber er macht einen Prozess menschlicher, der sich sonst wie eine kalte Excel-Tabelle anfühlt.

Geld, Liebe und die Geschichten, die sich Familien erzählen

Wenn man genau hinhört, fällt was auf: Streit ums Erbe geht fast nie nur ums Geld. Es geht um Kinderzimmer von früher, alte Streitigkeiten, wer mehr Aufmerksamkeit bekommen hat, wer gegangen ist, wer geblieben ist. Das Testament wird zur Bühne, auf der all die stillen Jahre endlich ein Drehbuch kriegen.

Gleich teilen kann wie ein Schild wirken: „Schauts, keine Lieblinge, kein Drama.“ Ungleich teilen kann wie ein Scheinwerfer auf die Familiengeschichte wirken: „Du hast ihm eh immer mehr geholfen.“ Die eigentliche Arbeit liegt unter beidem. Sie verlangt von Eltern, ehrlich auf das Leben zu schauen, das ihre Kinder heute wirklich leben – nicht auf das, das man sich vor Jahrzehnten einmal ausgemalt hat.

Manche Familien entscheiden sich, alles komplett gleich zu lassen, obwohl ein Kind reich ist und ein anderes grad so die Stromrechnung zahlt. Andere kippen die Waage Richtung dem verletzlichsten Kind und sagen immer wieder dazu, dass Liebe nicht in Euros gemessen wird. Und ein paar binden ihre Kinder sogar in die Aufteilung ein – und machen aus einem Geheimnis eine Art gemeinschaftlichen Akt der Fürsorge.

Es gibt keine universelle Formel hinten in irgendeinem Gesetzbuch. Es gibt nur Menschen – mit Blessuren und Hoffnungen – die versuchen, einander nicht weh zu tun, wenn sie nimmer im selben Raum sind.

Vielleicht ist das die eigentliche Frage für Eltern wie Mark und Elena. Nicht: „Wie teil ich’s, damit sich keiner beschweren kann?“, sondern: „Welche Geschichte erzählt diese Entscheidung darüber, wie wir unsere Kinder gesehen haben – und wie wir versucht haben, ihnen in der Welt zu helfen, in der sie tatsächlich leben?“

Kernpunkt Detail Nutzen für die Leser*innen
Früh und klar reden Erbprinzipien mit jedem Kind besprechen, bevor das Testament final ist Verringert Schock, Missverständnisse und spätere explosive Konflikte
Liebe von Geld trennen Erklären, dass emotionale Gleichheit mit finanziell ungleichen Entscheidungen zusammengehen kann Hilft Kindern, Entscheidungen zu verarbeiten, ohne sie als Urteil über ihren Wert zu sehen
Die Geschichte dokumentieren Einen Brief in einfacher Sprache beilegen, der die Gründe fürs Testament erklärt Bringt Wärme und Kontext in ein kaltes juristisches Dokument und reduziert Groll

FAQ:

  • Frage 1 Ist es rechtlich erlaubt, meinen Kindern ungleiche Beträge zu hinterlassen, wenn ich glaube, dass eines mehr Hilfe braucht?
  • Frage 2 Wie erklär ich meinem wohlhabenderen Kind, dass ich dem Geschwisterteil einen größeren Anteil gebe?
  • Frage 3 Was ist, wenn meine Partnerin und ich – so wie Mark und Elena – unterschiedlicher Meinung san bei „gleich vs. fair“?
  • Frage 4 Soll ich meinen Kindern die genauen Zahlen im Testament sagen, solange ich noch leb?
  • Frage 5 Kann ich mein Testament später anpassen, wenn sich die Situation meiner Kinder dramatisch verändert?

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