Eine einfache Zeile von einer Freundin: „Kann’s kaum erwarten, deinen Roman zu lesen – schickst ma a paar Seiten?“ Sie hat heimlich 60.000 Wörter gschrieben, aber statt die Datei anzuhängen, hat sie plötzlich Desktop-Ordner umsortiert, die Küche geputzt, sogar a YouTube-Video über „Deep-Work-Routinen“ gschaut. Alles – nur net auf „Senden“ klicken.
In der Nacht hat sie durch Leute gescrollt, die Newsletter launchen, Podcasts starten, Kunst-Accounts aufbauen, Side-Businesses hochziehen. Ihre eigenen Ideen waren laut in ihrem Kopf, aber draußen in der Welt irgendwie unheimlich still. Es war net Faulheit. Es war net Zeitmangel. Irgendwas anderes hat ihr jedes Mal die Brust zugeschnürt, sobald sie sich vorgestellt hat, dass andere Augen auf ihrer Arbeit liegen.
Sie hat sich immer wieder gesagt, sie teilt’s „wenn’s fertig is“. Das Komische: Es hat sich nie fertig angfühlt.
Warum du die Projekte, die dir am wichtigsten san, dauernd umgehst
Es gibt a besondere Art von Aufschieberitis – reserviert für kreative Projekte, die dir wirklich was bedeuten. Du beantwortest jedes E-Mail, faltest jedes T‑Shirt, hilfst sogar wem beim Übersiedeln, bevor du dich hinsetzt und endlich an dem Lied, dem Buch, der Fotoserie arbeitest, von der du seit Jahren träumst.
Von außen schaut’s aus wie „zu beschäftigt“. Innen fühlt’s sich eher an, als würdest mit einem Glasherz herumlaufen und hättest panische Angst, dass es dir runterfällt. Das Projekt wird zu einem zerbrechlichen Beweis dafür, wer du bist. Also schützt du’s, indem du’s gar nicht erst öffentlich existieren lässt.
Das Paradoxe is brutal: Je mehr dir was bedeutet, desto mehr blockierst.
Denk dran, wie viele halb begonnene kreative Leben auf deinem Handy herumliegen. Notiz-Apps voll mit Podcast-Ideen. Sprachmemos mit Melodien, die du im Bus vor dich hin gesummt hast. Entwürfe für Instagram-Accounts mit Kunst, die du nie gepostet hast. An einem ruhigen Sonntag schwörst, dass du’s „nächsten Monat“ endlich machst. Am Mittwoch bist wieder komplett in den Inhalten von anderen versunken.
Eine Umfrage von Adobe hat ergeben, dass sich nur jeder Vierte so fühlt, als würd ersie das eigene kreative Potenzial ausschöpfen. Heißt: Drei von vier gehen mit gespeicherter Energie herum – wie ein Akku, der nie ganz verwendet wird. Menschlich gesehen sind das irre viele ungschriebene Geschichten und unbemalte Leinwände, die unsichtbar irgendwo im Speicher liegen.
Wir reden selten drüber, was das mit dem Selbstrespekt macht.
Psychologinnen nennen das manchmal „Self-Handicapping“: Du verzögerst, lenkst dich ab, erzeugst Chaos – damit du, wenn’s scheitert, sagen kannst: „Naja, ich hab’s eh net wirklich probiert.“ Unter den Kalender-Ausreden liegt a leiserer Glaube: *Wenn i’s wirklich ernsthaft probier und es kommt net an – was sagt das über mich?
Also macht dein Hirn was Hinterfotziges: Es redet dir ein, Timing, Tools oder sogar die Idee müssen perfekt sein, bevor du überhaupt anfängst. Dieser Perfektionismus fühlt sich gscheit und verantwortungsvoll an. In Wahrheit is es Angst davor, gesehen zu werden – in deiner „Work-in-Progress“-Haut.
Die Verzögerung is net Zeitmanagement. Es is emotionaler Selbstschutz.
Angst vor Sichtbarkeit: warum Gesehenwerden sich wie Gefahr anfühlen kann
Da is eine komische Wahrheit: Auf „Veröffentlichen“ drücken kann sich anfühlen, als würdest nackt auf eine Bühne steigen. Deine kreative Arbeit is net nur ein Produkt. Sie trägt Spuren von deinem Geschmack, deiner Stimme, deiner Geschichte. Wenn du das anderen zeigst, werden die Einsätze plötzlich riesig – auch wenn’s „nur“ ein Gedicht auf Instagram is oder ein winziger YouTube-Kanal.
Darum wirst auf einmal Meister*in der kleinen Hindernisse. Du entscheidest, du „brauchst eine bessere Kamera“, bevor du filmst. Du recherchierst drei Wochen lang Mikrofone statt die erste Folge aufzunehmen. Du kaufst ein neues Notizbuch und wartest dann auf das perfekte „Startdatum“. Diese Mikro-Verzögerungen halten dich sicher vor dem Moment der Nacktheit: dem Moment, wo ein anderer Mensch wirklich sieht, was du gemacht hast.
Sichtbarkeit macht aus deinem privaten Traum eine öffentliche Realität. Und genau in diesem Shift wohnt die Angst.
An einem regnerischen Dienstag in Lyon hat ein Designer namens Marc seinen Laptop dreimal zugeklappt, bevor er ein simples Karussell mit Logo-Konzepten auf LinkedIn gepostet hat. Er hat jahrelang professionell für Kund*innen designt – aber seine eigenen persönlichen Experimente teilen? Das war anders. Seine Freundin hat zugschaut, wie er zwischen Küche und Couch auf und ab gegangen is, als würd er grad eine Bombe entschärfen.
Er hat dann um 23:47 gepostet, in der Hoffnung, dass es niemand sieht. Am nächsten Morgen: ein paar liebe Kommentare, ein potenzieller Kunde – und ironischerweise null von dem brutalen Urteil, das er sich im Kopf schon ausgemalt hat. Der Terror war fast komplett intern.
Auf irgendeinem Level hatte Marc net Angst vorm Internet. Er hatte Angst vor was Intimerem: dass seine Freundinnen, ehemalige Kolleginnen, sogar seine Familie eine Version von ihm sehen, die sich genug schert, um’s wirklich zu versuchen.
Angst vor Sichtbarkeit is oft Angst vor Identitätswechsel. Dein kreatives Projekt is net nur etwas, das du tust. Es sagt leise: „So, das bin i jetzt.“ Das kann sich anfühlen wie Verrat an deinem alten Ich – oder an Leuten, die dich in einer bestimmten Schublade kennen. Du sorgst dich vielleicht, dass sie die Augen verdrehen: „Seit wann bist du Autor*in?“
Dazu kommt ein tieferes, fast tierisches Programm. Unser Nervensystem verhält sich noch immer so, als wär „vom Stamm abgelehnt werden“ echte Gefahr. Ein harter Kommentar, wenig Views, sogar Stille kann sich wie sozialer Mini-Exil anfühlen. Dein Körper reagiert mit schwitzigen Händen und Herzrasen, als wär der Instagram-Post ein Säbelzahntiger.
Logisch weißt: Das sind nur Pixel. Emotional schreit dein System: „Versteck di.“
Wie du trotzdem weitergehst: Mini-Exposure, ehrliche Rituale und sanftere Einsätze
Eine praktische Methode, die Angst vor Sichtbarkeit zu lockern: Mach den Scheinwerfer kleiner. Statt gleich auf einen öffentlichen Launch zu zielen, denk in „Mini-Publikum“. Teil dein nächstes Stück mit einer vertrauten Person oder in einer privaten Gruppe, bevor du überhaupt ans öffentliche Posten denkst.
Setz dir eine absurd kleine, konkrete Regel: „Jeden Dienstag schick i eine Sache, die i gemacht hab, an eine Person.“ Net ein fertiges Meisterwerk – ein Absatz, ein roher Mix, eine Skizze. Ziel is net Qualität. Ziel is, den Muskel aufzubauen, dass deine Arbeit deinen Körper verlassen darf.
Wenn Teilen in Low-Stakes-Räumen zur Routine wird, fühlt sich größere Sichtbarkeit weniger wie eine Klippe an und mehr wie eine etwas höhere Stufe.
Ein weiterer hilfreicher Schritt: Trenn „Mach-Zeit“ von „Zeig-Zeit“. Wenn du dich hinsetzt zum Erstellen, is das net der Moment, an Algorithmen, Cousins oder Kritiker*innen zu denken. Gib deinem kreativen Ich private, geschützte Stunden, in denen keine fremden Augen existieren – net einmal in deiner Vorstellung.
Später such dir einen fixen wöchentlichen Slot nur fürs Veröffentlichen oder Verschicken. Diese Trennung hält dein Kunstatelier frei vom Lärm hypothetischer Reaktionen. Seien wir ehrlich: Niemand macht das wirklich jeden Tag. Trotzdem: Schon ein oder zwei geschützte Sessions pro Woche können die emotionale Atmosphäre rund um deine Arbeit komplett verändern.
Und wenn du merkst, dass du endlos „dabei bist, dich vorzubereiten“, is das ein Zeichen, dass dein Hirn versucht, sich elegant um Unbehagen herumzuschlängeln. Nenn’s, wie’s is: Selbstverteidigung, verkleidet als Produktivität.
„Deine Arbeit bist net du. Sie is ein Gesprächsanfang zwischen dem, wer du bist, und wem auch immer an dem Tag grad zuhört.“
Ein kleiner emotionaler Perspektivwechsel hilft enorm: Denk an jedes Stück, das du teilst, als Signal – net als Urteil. Es geht raus, prallt bei manchen an, verfehlt andere. Mehr is es net. Du wirst als Person net benotet – du sendest einfach noch ein Signal in die Welt.
Hier is eine einfache Checkliste, die du am Schreibtisch liegen lassen kannst, wenn die Sichtbarkeits-Angst hochgeht:
- Is dieses Stück ehrlich genug für den Stand, wo i heut bin?
- Hab i’s vorher zumindest mit einer sicheren Person geteilt?
- Kann i eine konkrete Sache benennen, die i durchs Teilen lernen will?
- Was is realistisch gesehen das absolut Schlimmste, wenn das floppt?
- Welche zukünftige Version von mir entsteht, wenn i’s trotzdem teile?
Wenn du dir diese Fragen anschaust, wird aus einem vagen Monster etwas, mit dem du tatsächlich verhandeln kannst.
Deine Arbeit atmen lassen in einer Welt, die nie aufhört zuzuschauen
Wir leben in einer Zeit, in der jede kreative Handlung theoretisch getrackt, bewertet, archiviert werden kann. Das is ein schwerer Hintergrund für alle, die was Zartes oder Neues machen wollen. Und trotzdem: Deine Projekte müssen net fertig ausgewachsen in die Welt kommen. Sie dürfen halbfertig auftauchen, schräg, unbeholfen, komisch. Die Welt is still und leise voll mit Menschen, die sie dort abholen, wo sie grad sind.
Menschlich gesehen haben wir alle schon den Moment erlebt, wo du endlich auf „Posten“ oder „Senden“ drückst und dann am liebsten dein Handy in einen Fluss schmeißen würdest. Zehn Minuten später geht das Leben weiter. Der Bus kommt trotzdem. Der Hund braucht trotzdem seinen Spaziergang. Das Drama war großteils in deinem Kopf.
Was sich über die Zeit wirklich verschiebt, is net nur Karriere oder Publikum. Es is deine innere Geschichte darüber, was du dir erlaubst zu versuchen. Jede kleine Dosis Sichtbarkeit schreibt diese Geschichte um einen Millimeter um.
Du musst net immun gegen Angst werden. Du musst nur aufhören, Angst zur einzigen Stimme im Raum zu machen. Vielleicht is dein nächster Schritt so klein wie: den verstaubten Draft öffnen, drei unkostbare Zeilen schreiben und sie heut Abend einer Freundin schicken.
Oder leise diesen anonymen Account starten, wo deine Experimente leben dürfen, ohne dass dein „echter Name“ dranhängt. Oder dir selbst eine Sprachnotiz aufnehmen, warum dieses Projekt dir noch immer wichtig is – auch wenn niemand klatscht.
Deine kreative Arbeit schuldet der Welt keine Perfektion. Was sie im besten Fall anbietet, is Kontakt: zwischen deinem Innenleben und jemand anderem. Das passiert net in deinem Kopf. Das passiert da draußen – in dem leicht unheimlichen, seltsam heiligen Raum, wo du dich ein kleines Stück mehr sehen lässt, als sich bequem anfühlt.
| Kernpunkt | Detail | Nutzen für Leser*innen |
|---|---|---|
| Kreatives Aufschieben is oft emotional | Man verzögert vor allem die Projekte, die zählen – aus Angst vor Scheitern und Bewertung | Gibt dem Blockieren Worte, reduziert Scham und öffnet die Tür zur Handlung |
| Sichtbarkeit wirkt wie ein Gefahren-Trigger | Gesehenwerden berührt Identität und aktiviert sozialen Schutzreflex | Hilft zu verstehen, warum Teilen sich unverhältnismäßig schwer anfühlt |
| Mikro-Schritte der „Exposure“ verändern alles | Im kleinen Rahmen teilen, Kreieren und Publizieren trennen, Einsätze senken | Liefert konkrete Hebel, um endlich bei wichtigen Projekten weiterzukommen |
FAQ:
- Woran merk i, ob’s Angst is oder einfach eine schlechte Idee? Frag dich: Kommt dieses Projekt über Monate oder Jahre immer wieder in deinen Kopf zurück? Wenn ja, is wahrscheinlich Angst im Spiel. Wirklich schlechte Ideen verblassen meist, wenn man sie ignoriert; sinnvolle bestehen oft leise drauf, existieren zu dürfen.
- Was, wenn Leute, die i kenn, über meine Arbeit lachen? Das Risiko gibt’s, aber es is seltener, als dein Hirn dir einredet. Fang damit an, es mit ein, zwei unterstützenden Menschen zu teilen. Wenn wer dich auslacht, sagt das mehr über deren Unbehagen aus als über deinen Wert. Du darfst deinen Raum vor solchen Reaktionen schützen.
- Soll i warten, bis i „gut genug“ bin zum Teilen? Auf „gut genug“ warten is, wie Leute jahrzehntelang stecken bleiben. Können wächst durch öffentliche Praxis, net durch private Perfektion. Teil auf dem Level, wo du grad bist, und lass die Feedback-Schleife dir beim Besserwerden helfen.
- Wie geh i mit negativen Kommentaren um, wenn’s welche gibt? Entscheide vorher, wie du reagierst: vielleicht engagierst dich 24 Stunden lang gar net, oder du antwortest nur auf respektvolle Kritik. Mach Screenshots von netten Nachrichten und leg dir einen „Support-Ordner“ an, damit dein Fokus ausgeglichen bleibt, wenn’s irgendwo sticht.
- Was, wenn mein Projekt nie Geld bringt oder kein Publikum findet? Net jede kreative Handlung muss ein Business werden. Ausdruck hat seinen eigenen Ertrag: Selbstrespekt, Klarheit, Verbindung mit ein paar Menschen. Manchmal is die bedeutendste Arbeit die, die dich verändert – net dein Bankkonto.
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