Du tigerst in deiner Küche auf und ab und spielst den unfairen Kommentar von deinem Chef immer wieder im Kopf durch.
Du weißt, du solltest morgen was sagen – aber jedes Mal, wenn du dir die Szene vorstellst, schnürt’s dir die Kehle zu und in der Brust brennt’s. Du probierst die Sätze aus, dann verhaspelst dich, dann wirst grantig, und dann kommt dir’s deppert vor, weil du in einem leeren Raum mit dir selber redest.
Fast reflexartig schaust du ein bissl nach oben – Richtung Wandoberkante oder in eine Ecke bei der Decke – und probierst’s noch einmal.
Auf einmal kommt derselbe Satz ruhiger raus. Präziser. Weniger wie eine Tirade, mehr wie ein Punkt.
Da hat sich grad was Subtiles in deinem Hirn verschoben.
Und das ist kein Zufall.
Warum ein leichter Blick nach oben den Sturm beruhigt
Es gibt einen winzigen, fast unsichtbaren Moment direkt bevor wir uns beschweren, wo der Körper entscheidet, wer fährt: Vernunft oder rohe Emotion.
Dieses kleine Kippen vom Blick – nur ein paar Grad über Augenhöhe – kann diese Entscheidung leise beeinflussen.
Wenn du geradeaus schaust, siehst du oft die Person oder die Szene, die dich getriggert hat. Gesichter, Bildschirme, Benachrichtigungen, genau den Tisch, wo das Mail eingeschlagen ist. Dein Gehirn geht auf Bedrohung und Ego.
Hebst du die Augen ein bissl an, starrst du nicht mehr den „Gegner“ an – du starrst auf … eh nix Besonderes.
Diese Mini-Veränderung gibt deinem Nervensystem den Hinweis, dass du nicht akut in Gefahr bist.
Und deine Sprache zieht nach.
Stell dir eine Frau vor, die Sarah heißt: Sie steht bei ihrer Schlafzimmertür, das Handy noch warm von einer frustrierenden Nachricht von ihrem Manager. Sie will antworten. Sie weiß aber auch: Wenn sie das jetzt macht, bereut sie morgen die halben Formulierungen.
Also macht sie was Komisches, was sie irgendwo einmal gelesen hat. Sie lehnt sich an die Wand, schaut knapp über den Kleiderschrank und sagt ihre Antwort laut. Der erste Versuch ist ein Chaos. Der zweite noch immer verkrampft. Beim dritten macht’s klick.
Ihre Stimme wird langsamer.
Sie kommt von „Du hörst mir eh nie zu“ zu „Ich würd gern klären, was im gestrigen Meeting passiert ist.“ Gleiche Gereiztheit, andere Temperatur.
Am nächsten Morgen schickt sie eine klare, feste, aber kontrollierte Nachricht. Und kriegt eine konstruktive Antwort statt einer defensiven Mauer.
Für dieses fast schon komische „zur Decke schauen“-Ritual gibt’s eine neurokognitive Erklärung. Die Augenposition ist lose mit verschiedenen mentalen Prozessen verknüpft: Manche Studien und NLP-inspirierte Ansätze deuten darauf hin, dass nach oben schauen oft mit visuellem Erinnern oder Zukunftsprojektion einhergeht, während ein gerader, fixierter Blick eher an der unmittelbaren emotionalen Szene klebt.
Wenn du leicht nach oben schaust, schubst du dein Gehirn in einen reflektierteren Modus. Du greifst auf Bilder, Struktur, Szenarien zu – nicht nur auf rohe Körpergefühle.
Du kaufst dir ein kleines Stück kognitive Distanz.
In dieser kleinen Distanz wird der Wortschatz besser. Deine Worte kippen von „immer/nie“ hin zu Daten, Fakten und Auswirkungen.
Du spürst die Beschwerde noch – aber du gehst nicht mehr darin unter.
Die einfache „Blick-nach-oben“-Methode, um eine Beschwerde zu proben
Hier ist ein kleines, konkretes Ritual für vor einem schwierigen Gespräch.
Such dir einen halbwegs ruhigen Platz: Gang, Bad, Auto im Stand, Kücheneck. Stell dich hin oder setz dich aufrecht hin, Schultern locker.
Such dir einen Punkt knapp über deiner natürlichen Augenhöhe – Türstock, Deckenecke, Fensteroberkante. Nicht der Himmel, nicht der Boden: ungefähr 10–20 Grad nach oben.
Dann sag deine Beschwerde laut, als wär die Person vor dir – aber behalt deinen Blick auf diesem höheren Punkt.
Mach eine „wilde“ Runde, ohne Zensur.
Dann mach zwei ruhigere Runden und justier die Worte jedes Mal.
Viele machen das Gegenteil. Sie proben, während sie runter auf die Schuhe oder aufs Handy schauen und zwischen Sätzen scrollen. Diese eingeklappte Haltung hält sie im Grübeln fest; die Stimme wird kleiner, geladener, weniger klar.
Wenn du dazu neigst, schnell zu überhitzen, probst du vielleicht sogar im schnellen Gehen, Kiefer zusammengebissen, Augen in den Boden gebohrt. Bis du dann wirklich mit der Person redest, bist du emotional schon bei 9 von 10.
Dreh das Muster um.
Werd langsamer. Mach den Brustkorb ein bissl auf. Heb den Blick knapp über den Horizont.
Du tust nicht nur so, als wärst du ruhig. Du gibst deinem Gehirn ein Haltungs-Signal, das das Alarmsystem runterfährt, damit deine Beschwerde mit saubereren Worten raus kann.
Wir kennen das alle: Du sagst endlich was, und mitten drin hörst dich selber und denkst: „Oida, das klingt viel härter, als ich’s eigentlich fühl.“
Hier ist eine kurze Checkliste, die du still durchgehen kannst, während du nach oben schaust und probst:
- Zuerst die Fakten: Was ist passiert, wo und wann?
- Dann ein Gefühl in einem Wort: frustriert, verletzt, verwirrt, übergangen.
- Danach eine Auswirkung: Was hat sich dadurch für dich verändert?
- Zum Schluss eine klare Bitte: Was willst du nächstes Mal oder als Reaktion?
Seien wir ehrlich: Das macht niemand jeden einzelnen Tag.
Aber wenn du diese Struktur nur ein- oder zweimal im Monat verwendest, kann das komplett verändern, wie deine Beschwerden ankommen.
Weniger Drama, mehr Klarheit: Was sich verändert, wenn du nach oben schaust
Da steckt ein emotionales Paradox drin.
Indem du dir erlaubst, dich zu beschweren, es aber mit leicht gehobenem Blick probst, unterdrückst du Emotion nicht – du kanalisierst sie.
Leute, die „positiv bleiben“ wollen und nie proben, lassen’s oft seitlich raus: passiv-aggressive Nachrichten, zynische Schmähs in Gruppen-Chats, Tränen im Bad. Die Beschwerde ist trotzdem da – nur vergraben.
Wenn du sie kontrolliert durchprobierst, lässt du dein Nervensystem üben, den Ärger zu spüren und dabei Sprache zu halten.
Mit der Zeit baut diese Kombi eine stille Art von Mut auf.
Weniger Explosion, mehr Präzision.
| Kernpunkt | Detail | Nutzen für dich |
|---|---|---|
| Augenposition verändert deinen Zustand | Leicht nach oben schauen fördert Distanz und Visualisierung | Du klingst ruhiger und formulierst dich klarer beim Beschweren |
| Proben ordnet Emotion | Laut sprechen, mit klarer Struktur, kühlt impulsive Formulierungen ab | Weniger Reue nach schwierigen Gesprächen |
| Einfaches Ritual, großer Effekt | Ruhiger Platz + Blick nach oben + 2–3 Proberunden | Macht harte Gespräche weniger furchteinflößend und besser machbar |
FAQ
- Frage 1: Muss ich dafür direkt zur Decke raufstarren, damit’s wirkt?
Antwort 1: Nein. Ein leichter Blick nach oben reicht. Stell dir vor, deine Augen ruhen knapp über dem gedachten Gesicht der Person – nicht in einem 90-Grad-Winkel zur Decke.- Frage 2: Was, wenn’s mir peinlich ist, laut mit mir selber zu reden?
Antwort 2: Voll normal. Fang mit einem Flüstern an oder form die Worte nur mit dem Mund. Entscheidend ist, dass du Sätze mit dem Mund formst – nicht nur im Kopf.- Frage 3: Kann ich das direkt vor einem Telefonat oder einem Zoom-Meeting machen?
Antwort 3: Ja, ideal sogar. Nimm dir 60–90 Sekunden, bevor du reingehst, schau leicht nach oben und geh deine Hauptpunkte ein- oder zweimal durch.- Frage 4: Kling ich dann nicht zu einstudiert?
Antwort 4: Du lernst keine Lines auswendig, du klärst die Richtung. Ziel sind weniger emotionale Umwege, nicht eine robotische Lieferung.- Frage 5: Was, wenn ich trotzdem emotional werd, wenn ich’s dann wirklich sag?
Antwort 5: Emotion kommt trotzdem – das ist menschlich. Das Proben sorgt nur dafür, dass unter der zitternden Stimme die Botschaft klar und geerdet bleibt.
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